Partiturspiel

Wozu Partiturspiel?(vergl. [3])

Können Sie Noten lesen? Viele musikalische Laien glauben, Noten lesen hieße, Töne benennen zu können (»Dies ist ein a, dies hier ein fis« usw.). Praktischen Musikern ist klar, dass zum Notenlesen weit mehr gehört – dass die Frage »Können Sie Noten lesen?« auch unter Profis je nach Anspruch, den man anlegt, sich nicht immer bejahen lässt.

Noten lesen kann,

  • wer einen Notentext beim Lesen innerlich zu hören vermag,
  • wer durch bloßes Lesen sich die Möglichkeit erschließt, in die Struktur des Notentextes bzw. Werkes einzudringen (es auch wirklich zu tun, ist eine zweite Sache),
  • wer aus dem reinen Notenstudium (ohne Instrument) die aufführungspraktischen Implikationen (Interpretationsfragen, Einrichtung, Probendisposition usw.) entnehmen kann.

Jede Musikerin (Musiker auch) wird diese Kunstfertigkeit beherrschen, innerhalb gewisser Grenzen, die es zu erweitern gilt.

Ein Weg (nicht der einzige) dazu führt über das Partiturspiel, denn: Partituren lesen kann nur, wer sie auch spielen kann (Günter Fork, Schule des Partiturspiels, S. 3, siehe [1]). Ich möchte dem hinzufügen: Partiturspiel heißt eigentlich »Partiturlesen am Klavier« (cum grano salis: denn Partituren zu spielen, ist schließlich häufig genug auch Selbstzweck).

Die Notwendigkeit, Partituren am Klavier reduziert oder vollständig darzustellen, ergibt sich vor allem im Rahmen folgender Aufgaben:

  1. Kennenlernen eines Werkes (Studium, Analyse, Probenvorbereitung),
  2. Künstlerische, zumeist pädagogisch motivierte Darstellung einer Partitur (analytisches Vorspiel als Unterrichtsmittel, Korrepetition, Probendurchführung).

Daraus ergeben sich für den Partiturspielunterricht drei grundlegende Ziele:

  1. Steigerung der Lesekompetenz – insofern wäre Partiturspiel wie gesagt besser mit Partiturlesen am Klavier umschrieben,
  2. Erwerb einer Methodik der Partiturerarbeitung für Chorleiter/innen und Orchesterdirigenten/innen (detailgetreue Erarbeitung und Darstellung von Partituren bzw. Einzelpartien aus komplexeren Notentexten),
  3. Erwerb grundlegender Fähigkeiten im (mehr oder weniger) improvisatorischen Entwickeln von Klavierarrangements (im Gegensatz zu 2. als al fresco – Spiel bzw. umrisshafte, vereinfachende Darstellung der wesentlichen Umrisse unspielbarer Notentexte).

Vernetzt denken

oder:  Partiturspiel im Gestrüpp der Musikausbildung

Es ist durchaus erwünscht, dass im Partiturspiel Fähigkeiten gebündelt und vertieft werden, die bereits in anderen Disziplinen der Musikausbildung erworben wurden. Ich denke da an

  • Vertiefung der Fähigkeiten im Gestalterkennen (Akkordstrukturen, Klauseln, Sequenzen, satztechnische oder instrumentatorische Details und dergl.),
  • Gehörschulung (Fehlererkennungsübungen ergeben sich im Gruppenunterricht zwanglos; wenn Sie Autodidakt/in sind, müssen Sie Ihre eigenen Fehler erkennen),
  • Transferleistungen aus dem Generalbassspiel
  • Anwendung von Vorerfahrungen aus den Bereichen Stilkunde, Musikgeschichte, Musikwissenschaft usw.

Genau wie das Fach Gehörbildung zwingt auch Partiturspiel dazu, vernetzt zu denken und die Fertigkeiten, die man in anderen Disziplinen erworben hat, einzubringen. Wer den altklassischen Kontrapunkt beherrscht, kann manche Wendung erraten. Bach-Kennerinnen und -Kennern geht es beim Üben von Choralsätzen Bachs nicht anders. Leider trifft glücklicherweise auch das Gegenteil zu: genaues Lesen ist wichtig, Raten verpönt. Wie so oft in der Kunst gibt es keinen Königsweg – vielmehr gilt es, einen dialektischen Spagat zu bewältigen.

Noch ein wichtiger Aspekt der Didaktik des Faches: Partiturspiel bietet für viele eine einmalige Chance zu Horizonterweiterungen. Literatur, die im üblichen Ausbildungskanon vielleicht zu kurz kommt (15. bis 17. Jahrhundert, Kammermusik etc.), kann hier eine Nische finden. Organistinnen und Organisten lernen (ein einziges Mal im Leben?) Kammermusik kennen, Kapellmeister die Chorliteratur, Chorleiter/innen Orchesterwerke. Ich lehne es ab, im Unterricht das Repertoire vorwegzunehmen, dem die jeweilige Zielgruppe im Berufsleben ohnehin begegnen wird: Warum sollen Kirchenmusiker/innen das Spiel von Orchesterpartituren gerade (oder gar ausschließlich) anhand der Oratorien- und Orchestermessenliteratur erlernen? Im Gegenteil: eine lineare Ausrichtung von Ausbildungsgegenständen – zumal wenn sie sich für Grenzüberschreitungen in idealer Weise anbieten – vergibt Chancen zur Fundierung einer breiten musikalischen Allgemeinbildung und würde die Möglichkeiten von Transferleistungen verkennen und behindern.

Mein herzlicher Dank gilt den vielen Studentinnen und Studenten in Saarbrücken, die bei mir gelernt haben und von denen ich gelernt habe.